Meine Arbeit an Magma wurde
am 14. Februar 2005 von einer
höchst interessanten Mail unterbrochen.
Sehr geehrter Herr Thiemeyer,
stand da zu lesen,
diese Mail ist der hoffentlich erfolgreiche Versuch baldmöglichst direkt mit Ihnen in Kontakt zu treten. Die WDR-Wissenschaftsredaktion produziert aus Anlass des 100. Todestages von Jules Verne am 24.3. eine Reihe von Filmbeiträgen über den "Vater der Science-Fiction". Nun hat sich in der vergangenen Woche die Idee ergeben, einen Autoren von heute filmisch zu fragen, wie er über die Zukunft schreibt, über Dinge, die sich der aktuellen Realität entziehen und wie er sich die notwendigen Fakten erarbeitet, ohne die ein Werk kaum auskommt.
Mit freundlichen Grüßen, Thomas Hillebrandt.
Nun ist für einen Autoren wie mich nicht alltäglich, dass ein Fernsehsender einen Filmbeitrag zu produzieren gedenkt – noch unfassbarer aber ist es, in einem Atemzug mit einem der größten Visionäre aller Zeiten genannt zu werden. Genaugenommen grenzt das schon fast an Blasphemie. Eine Reihe von Besonderheiten sprach jedoch für die Produktion. Zum einen gibt es in Magma, das damals noch unter dem Arbeitstitel Hydra firmierte, tatsächlich einige Parallelen zu Jules Vernes Werk: Die unerklärlichen geologischen Phänomene, eine Expedition in unerforschte Meerestiefen, die Fragen nach dem Selbstverständnis des Menschen und seiner Stellung im Universum – und natürlich die intensive Recherchearbeit, die unser beider Werke vorausgeht. Den Ausschlag aber gab eine Besonderheit, die ganz und gar einmalig war. Ja, man könnte in diesem Zusammenhang schon beinahe von Schicksal sprechen. Ganz in der Nähe von Köln, knapp fünfzig Kilometer entfernt, inmitten der wunderbaren Eifel gelegen, steht das zweitgrößte schwenkbare Radioteleskop der Welt, die Anlage Effelsberg. Sie spielt in Magma eine bedeutende Rolle, werden doch dort Signale empfangen, die eine Reihe von besorgniserregenden Ereignissen in Gang setzen. Ereignissen, die zum Untergang der Welt führen werden, sollten sie nicht gestoppt werden. Wie es der Zufall so wollte, steckt das Teleskop in meiner Geschichte gerade inmitten von Eis und Schnee – genau wie zum Zeitpunkt, als mich die Anfrage des WDR erreichte. Die Idee drängte sich also förmlich auf, den Beitrag in Effelsberg zu drehen und dabei die Textzeilen aus Magma als Erzählstimme darüber laufen zu lassen. Gesagt, getan. Nach einem Besuch des Filmteams in meiner Wohnung in Stuttgart, in der hauptsächlich auf meine Tätigkeit als Illustrator eingegangen wurde, fand ich mich auf dem Weg in die tief verschneite Eifel und den Geheimnissen des Universums.
Das Filmteam war bereits vor Ort als ich dort eintraf. Die Sonne schien auf die schneebedeckten Hügel und bescherte uns einen Drehtag von außerordentlicher Schönheit. Nach ein paar Stimmungsaufnahmen ging es ins Innere der Kommandozentrale, des Ortes also, von dem aus der gewaltige dreitausendzweihundert Tonnen schwere Koloss bewegt wird. Hier traf ich den Direktor des Max-Planck-Institut für Astrophysik in Bonn, Prof. Dr. Karl Menten, der sich als begeisterter Jules Verne Leser outete. Er war so freundlich, viele meiner Fragen zu beantworten und half mir, die nötigen Eindrücke für mein Buch zu sammeln. Interessanterweise kannte man meinen Namen in Effelsberg bereits. Nicht als Autor von Romanen, sondern als Maler unzähliger Umschlagmotive zu Science-Fiction Büchern, die ich im Laufe der Jahre für den Heyne Verlag gestaltet hatte. Ich weiß noch, wie überrascht ich war, zu erfahren, dass Astrophysiker tatsächlich SF lesen – eigentlich doch die natürlichste Sache der Welt.
Nun stand der spektakulärste Augenblick meiner Reise an: Wir stiegen auf das Radioteleskop, hinein in das Gewirr aus Streben, Trägern und Stützen, einhundert Meter hoch, durch den riesigen Schirm hindurch und auf die andere Seite, bis zum Primärfokus. Aus Schutz vor herabfallenden Eiszapfen musste das ganze Team Helme tragen. Von hier oben hatte man einen sagenhaften Rundumblick. Ich weiß noch, wie groß mein Respekt vor dem Fernsehteam war, das sich, mit Kamera und schwerem Stativ beladen, dort oben, in schwindelerregender Höhe und auf eisglatten, kaum ein Meter breiten Stegen, um möglichst großartige Aufnahmen bemühte.
Die Eindrücke, die ich in Effelsberg gewann, waren so intensiv, dass ich den entsprechenden Szenen im Buch mehr Platz einräumte. Sie zeigten mir wieder deutlich, welchen Einfluss Recherche vor Ort für das Gelingen eines Romans haben kann. Viel Vergnügen.





