Nojoud berührt die Welt
Nojoud Ali erhielt am 05. März 2009 den World Hope Award.Die zehnjährige Nojoud aus dem Jemen hat erreicht, was noch keinem Mädchen vor ihr gelang: Sie befreite sich aus einer quälenden Zwangsehe mit einem 20 Jahre älteren Ehemann und wurde geschieden. Damit hat sie ein Tabu gebrochen und ist anderen zum Vorbild geworden. Sie hat anderen Mädchen und Frauen Mut gemacht, sich gegen die Institution der Zwangsehe zu wehren. Jetzt hat sie zusammen mit der Journalistin Delphine Minoui ein Buch geschrieben. Titel des Memoirs: „Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden“.
Die Medien reißen sich um Nojoud. International wird ihre ergreifende Geschichte gedruckt, in den USA wurde sie zur Frau des Jahres gekürt, bei uns war sie kürzlich in der „Menschen 2008“-Sendung bei Johannes B. Kerner zu Gast. Dort erzählte sie von ihrem harten Schicksal. Nojoud ist gerade mal zehn Jahre alt, als ihre Kindheit jäh beendet wird: Ihr Vater verheiratet sie gegen ihren Willen mit einem 30 Jahre alten Mann. Der schockierten Nojoud wird versprochen, dass sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr bei ihren Eltern bleiben kann. Doch als sie den Heiratsvertrag unterschreibt, kommt alles anders: Der Vater befiehlt ihr, augenblicklich zu Faez Ali Thamer zu ziehen. Seine Begründung: „So haben wir ein Maul weniger zu stopfen.“ Für das Kind beginnt eine Zeit unvorstellbarer Qualen. „Immer, wenn ich im Garten spielen wollte, hat er mich geschlagen und gesagt, ich soll mit ihm ins Schlafzimmer kommen“, erzählt Nojoud in ihrem Buch. Sie wird von ihrem Mann verprügelt, gedemütigt und missbraucht, doch niemand schenkt ihren Klagen Gehör.
„Eheliche Pflichten“ für ein kleines Mädchen
„Wenn es dunkel wurde, wusste ich, dass es wieder losgehen würde. Wieder und wieder. Dieselben Schikanen. Derselbe Schmerz. Dieselbe Verzweiflung“, sagt Nojoud und berichtet, wie sie von einem Zimmer ins andere gerannt sei, um Faez Ali Thamer zu entkommen. „Was für ein walesh – was für ein Monster. Am Ende hat er mich immer gekriegt.“ Sie fühlt sich nicht nur schutzlos, sie ist es. Ihre Familie kümmert sich nicht mehr um sie. Als Nojoud ihren Vater um Hilfe bittet, droht er ihr Prügel an. Im Jemen haben sich Frauen nicht zu beklagen. Alles, was passiert, geschieht unter den Augen ihrer Schwiegermutter, die mit im Haus wohnt. Sie ermuntert ihren Sohn sogar, Nojoud noch fester zu schlagen, damit sie sich endlich in ihr neues Leben einfügt. Als Nojoud ihrer Tante, der zweiten Frau ihres Vaters, von ihrem Leid berichtet, findet sie endlich Gehör. Die Tante empfiehlt dem Mädchen, sich ans Gericht zu wenden und gibt ihr etwas Geld. Damit kann Nojoud ein Taxi zum Gericht bezahlen.
Ein glücklicher Zufall rettet Nojoud das Leben
Als sie im Gebäude eintrifft, schreit sie und fordert, den Richter zu sehen. Alle sind mächtig von Nojouds Tapferkeit beeindruckt. Zufällig begegnet sie im Gerichtsgebäude der Anwältin Chadha Nasser. In ihr findet sie eine Verbündete. Die Juristin will erwirken, dass Nojoud nicht mehr zu ihrem brutalen Mann zurückkehren muss. Chadha Nasser bietet ihr kostenlose Rechtshilfe an und unterstützt sie dabei, vor Gericht die Scheidung zu erwirken. Auch der zuständige Richter stellt sich auf Nojouds Seite: Er lässt sowohl den Vater als auch den Ehemann verhaften und nimmt Nojoud bei sich auf, bis er sie in die Obhut ihres Onkels übergeben kann. Die Ehe wird geschieden. Nojoud, die per Gesetz das Recht erwirkt hat, wieder ein Kind sein zu dürfen, trägt ihre Geschichte nun in die Welt hinaus. Damit macht sie auf die unvorstellbaren Qualen aufmerksam, die zahllose Mädchen und junge Frauen in vielen Erdteilen erdulden müssen. Weil sie keine Rechte haben. Weil sie sich nicht trauen, sich zu wehren. Weil sie keine Möglichkeit haben, sich zu informieren, was legal ist und was nicht. Weil sie ihr gutes Recht nicht einfordern können.
Nojoud Ali freut sich nach ihrer Befreiung aus der Zwangsehe, wieder zur Schule gehen zu dürfen. Sie träumt davon, Anwältin zu werden. Um sie vor Übergriffen aus ihrer Familie zu schützen, wurde Nojoud in die Einrichtung einer Kinderhilfsorganisation gebracht.
Delphine Minoui ist Journalistin und arbeitet unter anderem für Le Figaro, Le Soir, L’Express und Radio France. Sie ist Nah-Ost-Expertin und lebt zur Zeit in Teheran.
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Nojoud Ali
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