In 166 Tagen zu sich selbst
Kurt Peipe hatte Krebs im Endstadium. Alle Welt schüttelt den Kopf, als der Todkranke am 29. März 2007 nahe der dänischen Grenze losmarschiert. Sein Ziel liegt 3550 Kilometer entfernt von Flensburg: Rom. Im Grunde will er das verlorene Paradies finden. Über seine Wanderung auf dem Franziskusweg – und zu sich selbst – berichtet Kurt Peipe in seinem autobiographischen Buch „Dem Leben auf den Fersen“. Ein Schicksal, das zutiefst bewegt, fesselt und Mut macht.
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Laufen, laufen, laufen: Das ist alles, was der 62-jährige Kurt Peipe noch will. Laufen, weil die Zellen, die sich aus dem Bauplan seines Körpers selbstständig gemacht haben, wie in einem wilden Rausch wuchern. Laufen, weil die Ärzte sagen, seine Krebserkrankung sei unheilbar. Laufen, um nicht in Depression, Mutlosigkeit und Selbstaufgabe zu verfallen.
Es scheint Kurt Peipes letzte Chance, und er nutzt sie: Wenige Wochen nach einer Darmoperation – und der Diagnose „austherapiert“ – geht Kurt Peipe an den Start. Vor ihm erstreckt sich der Europäische Fernwanderweg E1, der legendäre Franziskusweg. Der Wanderer ist geschwächt, und sein Gepäck (Rucksack, Schlafsack und Zelt) eine große Last. Da sein Budget nicht gerade üppig ist, will Kurt Peipe in Schafställen, Garagen und Schuppen oder unter freiem Himmel übernachten. Und das tut er auch.
„Mache den ersten Schritt, mache, was dir Freude und Erfüllung bringt, und sei dein Wunsch in den Augen deiner Mitmenschen noch so verrückt.“ (Kurt Peipe)
Gleich zu Beginn streikt sein Körper: Die Knie versagen ihm fast den Dienst, die OP-Narbe verheilt nicht, an seinen Händen blühen Blasen. Er schleppt sich durch Hitze, Regengüsse und einsame Tage. Einmal fällt er beinahe einem Feuer zum Opfer, und in der italienischen Po-Ebene verdurstet er fast. Und doch: Kurt Peipes Wille ist so stark, dass ihm das Wandern täglich leichter fällt. Er fühlt sich Schritt für Schritt mehr im Gleichklang mit der Natur, spürt, dass er auf wundersame Weise geführt wird. Er sortiert gedanklichen Müll aus und lässt sich Geist und Seele richtig durchpusten.
Es sind vor allem die menschlichen Begegnungen, die dem ungewöhnlichen Pilger das Herz öffnen, ihm Vertrauen einflößen. Unterwegs erlebt Kurt Peipe unzählige bewegende, überraschende Momente, erfährt eine Fülle Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit und Offenheit. In Rom angelangt, kann er aus vollem Herzen sagen: „Die Menschen sind besser als ihr Ruf.“ Und das verlorene Paradies? „Ja“, sagt Kurt Peipe, „das habe ich gefunden“. Er hatte ja keine Ahnung, dass er es schon immer in sich trug! Begraben unter einem Berg aus Ängsten, Zwängen und Zweifeln. Am Ende läuft Kurt Peipe seinem schmerzhaften Schicksal nicht davon. Er geht sehenden Auges mitten hindurch.
Kurt Peipe hat sich erneut auf den Weg gemacht. Für immer. Er starb am 8. August 2008 – am Tag des Erscheinungstermins seines Buches.
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