Februar 2007 - Stress-Intelligenz
Was Stress ist - und was nichtStress ist unser ständiger Begleiter, solange wir leben. Er sitzt mit uns am Tisch, er geht mit uns schlafen, er ist dabei, wenn leidenschaftliche Küsse ausgetauscht werden. Manchmal geht uns seine Anhänglichkeit auf die Nerven; dennoch verdanken wir ihm jeden persönlichen Fortschritt und erreichen durch ihn immer höhere Stufen geistiger und körperlicher Weiterentwicklung. Er ist die Würze des Lebens.
Hans Selye
Stress ist ein Modewort. Und wie jedes Modewort ist es durch seinen inflationären Gebrauch und seine unscharfe Bedeutung gekennzeichnet. Alles scheint mit Stress verbunden zu sein, alles scheint Stress zu sein. Die bevorstehende mündliche Prüfung oder die Rede vor den Mitarbeitern sowieso, aber auch das Streichen des Wohnzimmers oder der Besuch der Schwiegereltern, ja sogar der Urlaub in der Südsee. Die Allgegenwärtigkeit von Stress drückt sich auch darin aus, dass dieses Wort in allen möglichen Sprachen mehr oder minder ähnlich klingt, ebenso wie »Cafe«, »Taxi«, »Radio« oder »Hotel« - nur dass man mit diesen Begriffen überwiegend angenehme Erfahrungen verbindet.
Modewörter haben es an sich, dass sie von den einen fortwährend im Munde geführt werden, während andere sie kategorisch als neumodischen Schnickschnack ablehnen, getreu der Überzeugung:
»Das hat es bei uns früher auch nicht gegeben.« Das mag in Einzelfällen sogar zutreffen, zumindest für das Wort selbst, denn der Begriff »Stress« wurde erstmals in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts von dem bereits erwähnten Hans Selye (sprich: Selje) verwendet. Selye, ein Wissenschaftler österreichisch-ungarischer Herkunft, führte seine wesentlichen Arbeiten im kanadischen Montreal durch.
Wie Selye den Stress entdeckte
Die heute verbreitete ungenaue Verwendung des Begriffs Stress hatte Hans Selye aber ganz sicher nicht im Sinn, als er damals das Wort aus der Werkstoffkunde, wo es die auf ein Material einwirkende Belastung beschreibt, auf lebende Organismen und auf den Menschen übertrug. Er selbst war sich übrigens später gar nicht mehr so sicher, das richtige Wort für das gefunden zu haben, was er beschreiben wollte, was er selbstironisch auf seine begrenzten Englischkenntnisse zurückführte. Gelegentlich hört man die Ansicht, dass Selye diesen Bezug auf den Menschen lieber nicht hätte herstellen sollen, da es ohne das Wort »Stress« auch das Phänomen selbst nicht gäbe. Das ist natürlich Unsinn, denn Stress ist eine der ältesten Erfindungen der Natur überhaupt.
Sie konnte vorher nur nicht so griffig beschrieben werden. Auch Selye selbst verwendete zunächst Umständlichkeiten wie »Allgemeines Krankheitssyndrom« oder »Allgemeines Adaptationssyndrom«, ehe er auf das genial einfache, geradezu lautmalerische Wort »Stress« kam. Stress ist eine der ältesten Erfindungen der Natur überhaupt.
Hans Selye wird gerne als der »Vater der Stress-Forschung« bezeichnet, da er nicht nur den Begriff »Stress« prägte, sondern auch das erste schlüssige Stress-Konzept entwickelte. Dieses Konzept war denkbar einfach, obwohl er erst auf Umwegen dorthin gelangte - wie es in der Wissenschaft so oft passiert.