"Plot ist Petersilie" - Friedrich Ani über das Schreiben von Kriminalromanen
Und über die Frage, was den Krimi zum Roman macht!Ein schneller Blick ins Zimmer
Figuren sind wichtiger als Plot. Gedanken und Erkenntnisse sind wichtiger als Plot. Empfindungen und seelische Verstrickungen sind wichtiger als Plot. Plot ist Petersilie.
Für einen wie mich, der seit jeher dazu neigt, die Petersilie mitzuessen, stellten Kriminalromane nie etwas anderes dar als Romane. Sprache, Charakterzeichnung, Melodie, Atmosphäre, Menschenkenntnis – deshalb lese ich solche Bücher, und wenn eine trickreiche Handlung dabei ist, umso besser. Notwendig ist sie für mich nicht.
Unter uns: Ich bezweifle, dass manche Krimileser, die den Lokalkolorit, das Urige, das Heimathaft-Vertraute, den gespielten Thrill allen anderen Kriterien bei der Lektüre vorziehen, mit den Werken eines Raymond Chandler, James Ellroy, Ken Bruen oder womöglich Cornell Woolrich glücklich würden. In diesen von den Schatten der menschlichen Existenz durchzogenen und vom verzweifelten Ringen der Figuren um ein wenig Sonnenaufgang geprägten Büchern fehlt der Kuscheleffekt komplett. Ist das schlimm? Für mich nicht. Mich ermutigen diese Geschichten, sie gaukeln mir nicht vor, am Ende eines gelösten Kriminalfalles wären die Risse in der Realität gekittet und die allgemeine Ordnung wieder hergestellt.
Das heißt nicht, ein Kriminalroman sollte die Welt erklären und die Leser möglichst gebeutelt zurücklassen, damit diese sich auf keinen Fall Illusionen über ein letztlich doch gesichertes Leben machen.
Dennoch - was ich eigentlich schon möchte, ist: Dass jemand, der meinen Roman liest, eine Zeitlang in der Vorstellung lebt, dieser Tabor Süden sei ein Schwellenwächter in den bedrängendsten und einsamsten Momenten. Er ist da und hört zu, er hat eine Idee vom Weitermachen und findet vielleicht die unsichtbare Tapetentür, durch die man nach draußen gelangt, befreit von einer uralten schweren Zimmerlastigkeit.
Das sind so die Sachen, die ich mir manchmal ausmale. Aber meist taucht dann dieser Süden auf und sagt: Auf geht’s, wir haben zu tun! Und dann schreibe ich weiter in der schönen Hoffnung, meine Figuren werden schon wissen, warum sie ausgerechnet mich als ihren Autor gewählt haben.
Ein kurzer Blick in die Geschichte
Bevor die Romantiker im Rausch der Tiefe die blaue Blume erblickten und, fasziniert von der dämonischen Kraft des Unbewussten, die Gattung Kriminalliteratur erfanden – ohne sie als solche zu begreifen, geschweige zu benennen -, hatte einer ihrer verehrtesten Autorenvorgänger das Genre bereits ausprobiert.
1786 veröffentlicht Friedrich Schiller im zweiten Heft seiner von ihm in Mannheim gegründeten und später in Leipzig erscheinenden Zeitschrift „Thalia“ eine Erzählung, die heute unter dem Begriff „Faction“ eingeordnet würde: „Verbrechen aus Infamie, eine wahre Geschichte“. In den „Kleineren prosaischen Schriften“ taucht sie unter dem Titel „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ auf, und obwohl der Plot alles andere als handlungsarm ist, benutzt Schiller die Ereignisse und lokalhistorischen Bezüge mehr als Kulisse und freundliches Zugeständnis an die Erwartungen bestimmter Leser denn als Auslöser für dramaturgisch-raffinierte Umschwünge.
Heinrich von Kleist, ein Romantiker auf seit jeher verlorenem Posten, hätte vielleicht - auf dreimal so vielen Seiten wie Schiller - einen aus sich heraus Lodernden durch die Lande gejagt und ihm keine Gnade gegönnt, keinen Erlöser am Ende aller Qualen. Der Dichter aus Weimar dagegen bewahrt Ruhe, analysiert, erläutert und setzt unerschrocken eine theoretische Hinführung an den Anfang, die aus heutiger Sicht die Grundelemente jedweder kriminalistischen Schreibart enthält, ja geradezu einfordert - auch bei Autoren, die das Genre eigentlich scheuen, dessen Reize ihnen aber literarisch verlockend erscheinen.
Ani: Auf dem roten Teppich
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